Wienachtsdorf bewahren

Sechs Gründe, wieso das Wienachtsdorf auf dem Sechseläutenplatz erhalten werden muss

I.
Am Anfang war ... ein Weihnachtsmarkt! Er wurde vom Gewerbeverein Bellevue-Stadelhofen auf dem damals noch nicht renovierten Sechseläutenplatz veranstaltet. Er war das Ergebnis eines gesellschaftlichen Bedürfnisses, diesen zur Winterzeit oftmals eher trist wirkenden Freiraum zu bevölkern, zu beleben, zu bewirtschaften. Unser heutiges Wienachtsdorf mit seinen Marktständen, der Schlittschuhbahn, der Fonduestube und vielem mehr, ist das von der Stadt Zürich initiierte und öffentlich ausgeschriebene Folgeprojekt des einstigen Marktes.

II.
Ein freier Platz ist nicht zwingend ein leerer Platz. Wie Freiraum definiert wird, ist sehr individuell, es ist eine Frage des Empfindens, der Haltung. Viele Leute fühlen sich sicherer, wohler und dementsprechend «freier», wenn sie gemeinsam mit anderen Menschen Zeit an einem Fest, einem Konzert, oder eben in einem Wienachtsdorf verbringen können – soziale Medien in Ehren, aber reale Begegnungen können diese virtuelle Ebene niemals aufwiegen. Wie gross dieser Wunsch nach Geselligkeit und Gesellschaft speziell in der kalten, winterlichen Jahreszeit ist, unterstreichen die über 500'000 Menschen, die in den letzten Jahren im Dezember den Sechseläutenplatz und unser weihnächtliches Dorf besuchten.

III.
Wäre das Wienachtsdorf ein Wimmelbild, würde man darauf entdecken: Grosseltern mit Enkeln, Schulklassen und Studentenverbindungen, Stadträte und Landeier, Inner- und Üsserschwiizer, gealterte Hipster und fesche Teenager (die noch nicht wissen, dass sie dereinst in deren Fussstapfen treten werden), Poeten und Proleten, Nachbarn und Fernreisende, Geburtstags- und Pensionierungsfeiernde, Touristen und Individualisten, Profi- und Alternativliga-Fussballer, Patchwork- und Hundefamilien, Chnuschtis und Möchtegernprinzessinnen, Frischlinge und Evergreens, Verliebte und Verlassene, Glückliche und sehr Glückliche und vieles, vieles mehr ... und all das dann sogar noch in Alt und Jung, in weiblich und männlich – und zwar mitten in Zürich!

IV.
Wir haben vor zehn Jahren mit dem Organisieren und Veranstalten von Märkten begonnen. Damals war alles noch beschaulich, vieles improvisiert. Doch schon damals haben wir eng mit lokalen und regionalen Designern, Handwerkern, Künstlern oder Produzenten zusammengearbeitet, ihnen eine Fläche geboten, um ihre Erzeugnisse und Kreationen zu präsentieren. Ganz viele dieser Aussteller sind im Laufe der Zeit mit und durch uns gewachsen. Sie haben sich weiterentwickeln können, etliche von ihnen führen heute einen eigenen Laden, betreiben ein eigenes Lokal oder ein fixes Atelier. An ihre Stelle sind längst neue Künstler mit anderen Ideen und Fabrikaten getreten, auch sie bereichern den Markt des Wienachtsdorfs und nutzen ihn zugleich als «Schaufenster». Es ist ein sinniger Zyklus, und wir hoffen, dass er in den kommenden Jahren auf dem Sechseläutenplatz weitergehen kann.

V.
Im und für das Wienachtsdorf arbeiten tagtäglich mehr als 500 Menschen. Die einen finanzieren sich damit einen Teil des Studiums, andere berappen mit dem Verdienst eine Weltreise, Dritte ernähren damit Ihre Familie. Damit wir alle diese Arbeitskräfte, aber auch die Lieferanten, Hütten- und Eisfeldbauer, Sicherheitsleute usw. fristgerecht bezahlen können, braucht es neben einer guten Organisation vor allem ein nachhaltiges Wirtschaften. Das hat nichts mit dem bösen Wort «Kommerz», aber viel mit Respekt, Vernunft und Zuverlässigkeit zu tun. Wer diese wirtschaftliche Nachhaltigkeit nicht schafft – gerade bei einem solch komplexen Unterfangen wie einem Wienachtsdorf – wird früher oder später scheitern. Unser Ziel jedoch, das haben wir bereits bei der Projekteingabe im Jahr 2015 kommuniziert, war und ist ein langfristiges – wir möchten, dass das noch junge Wienachtsdorf irgendwann zu einer Tradition wird ... sodass auch heutige Kinder mit ihren eigenen Kindern im Dezember auf dem Sechseläutenplatz Schlittschuh laufen können.

VI.
Wir haben alle unsere Anlässe, Projekte und Unternehmungen stets (selbst-)kritisch hinterfragt, haben Konzepte aufgrund Rückmeldungen oder veränderten Begebenheiten angepasst und optimiert. In andern Worten: Wir sind offen und bereit, um über die Art und Weise der künftigen Belegung und Nutzung des Sechseläutenplatzes zu diskutieren. Doch damit solche Gespräche über die Ausrichtung und den Inhalt Sinn machen, bedarf es zwingend eines gewissen Spielraums. Bei maximal 65 möglichen Belegungstagen, wie von der Initiative vorgesehen, ist jedoch kein zeitlicher Spielraum mehr vorhanden: Der Zirkus und das Filmfestival müssten ihre Präsenz minimieren, für das Wienachtsdorf gäbe es wegen der längeren Auf- und Abbauphase definitiv keine Zukunft mehr. Dies hat Stadtrat Filippo Leutenegger auf Anfrage mehrerer Zeitungen explizit bestätigt.

Aus diesen Gründen bitten wir Sie, bei der Abstimmung am 10. Juni die Initiative «Freier Sechseläutenplatz» abzulehnen und stattdessen für den städtischen Gegenvorschlag zu votieren. Dieser sieht für den Sechseläutenplatz an höchstens 180 Tagen pro Kalenderjahr bewilligungspflichtige Anlässe vor, davon nur 45 Tage zwischen Juni und September.